Hängemattengefühl

Kurzmitteilung

In sich zu sein,
kein Rufen hören,
keine Mahnung,
keinen Fingerzeig.
So herrlich eingewickelt in das Tuch der Zeit,
das mich umhüllt,
mich schaukelt und mich trägt.
Den frischen Wind um meine Nase,
die den Duft der Erde neu erkennt,
den Vogel in den Zweigen hören,
wie zum ersten Mal.
Ein sanftes Wiegen wie im Mutterschoß,
die Augen schließen,
nicht an Aktien denken,
kein Papier und keinen Anruf,
der mich aus den schönen Träumen weckt.
Nur ich,
nur diese Stunde jetzt wie ein Geschenk
aus ferner Ewigkeit –
für mich.

Vreni Merz, aus „Frau und Mutter“, kfd-Mitgliederzeitschrift

 

Adventsgebet

Es ist Advent.
Du, Gott, öffnest deine Tür. Du trittst ein in unsere Welt. Du kommst zu allen Menschen.
Advent ist die Tür, durch die du auch in mein Leben und in mein Herz gelangen willst.
Dafür danke ich dir.
Und ich bitte dich:
Lass es Advent werden bei mir und bei uns.
Ja, komm, Herr, tritt ein in mein Leben, in mein Arbeiten und Ruhen,
tritt ein mit deiner Liebe und Freude, mit Hoffnung und Friede,
damit mein Glaube nicht erlischt, sondern größer und reifer wird,
damit ich glaubwürdig bin und ehrlich,
damit ich nie aufhöre, nach dir zu fragen und zu suchen,
damit ich dich und deine Gegenwart spüre, erfahre und erlebe,
damit ich dir begegne am Sonntag und im Alltag,
damit ich neue Worte finde, von dir zu erzählen,
damit ich Problemen und Fragen nicht aus dem Weg gehe,
damit ich keine Angst habe, alleine zu sein und klein,
damit ich meine Türen für andere öffne und menschlicher werde,
damit mein Leben einen Sinn und ein Ziel hat,
damit du in mir Mensch werden kannst.
Ja, komm, Herr, tritt ein durch die Tür des Advents.
Amen.

Verfasser/in war bisher nicht zu recherchieren.

Von der Natur lernen

Kräftewechsel

Die Kraft der Natur ist sichtbar in ihrer ganzen Fülle.
Leuchtend.
Bunt.
Kräftig und weich zugleich.
Ein Feuerwerk der Farben, bis die Blätter fallen und nichts mehr übrig ist als kahle Aste,
ein paar Lauchstangen in der furchigen Erde und der Geruch von Vergänglichkeit.
Herbst. – Zeit des Übergangs, bis es Winter ist.
Dann sehen die Bäume aus wie tot.
Die Erde erscheint leblos.
Doch sie ruhen nur.
Haben das Leben ganz in sich zurückgenommen,
konzentrieren ihre Kraft.
Die Natur ist eine kluge Lehrerin.
Mit ihr begreifen wir jedes Jahr wieder:
Kein Mensch kann immer blühen und Frucht bringen.
Der Herbst ermutigt uns,
den Wechsel der eigenen Kräfte von außen nach innen zuzulassen.

 Eva-Maria Kleisz

Müßiggang ist aller Laster Anfang oder doch nicht?

Faulsein
Ich habe mich oft gefragt,
ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind,
müßig zu sein, diejenigen sind,
die wir in tiefster Tätigkeit verbringen?
Ob nicht unser Handeln selbst,
wenn es später kommt,
nur der letzte Nachklang einer großen Bewegung ist,
die in untätigen Tagen in uns geschieht?
Jedenfalls ist es sehr wichtig,
mit Vertrauen müßig zu sein,
mit Hingabe,
womöglich mit Freude.
Rainer Maria Rilke